ClassicPress: WordPress spaltet sich auf und die Suche nach dem Warum

Der letzte Monat war schon rau. Normalerweise würde man meinen, August sei so der ruhigste Monat in der südlichen Heimsphäre. Viele haben Urlaub. Aber in der WordPress-Welt hat sich was krasses getan: Jemand hat WordPress „geforkt“. Der Fork nennt sich jetzt ClassicPress. Was ein Fork ist, warum WordPress sich aufgespalten hat und was das letztlich für alle WordPress-Nutzer bedeutet, das steht in diesem Artikel.

Was ist ein Fork?

Eine Gabel symbolisiert einen Fork in der Softwaretechnik.
Eine Gabel spaltet sich nach oben hin auf.

Als einen Fork bezeichnet man in der Softwareentwicklung die Abspaltung einer Software. Oft passiert das, weil die Entwickler sich nicht einigen können, wie eine Software weiterentwickelt werden soll. „Fork“ bedeutet auf Deutsch „Gabel“. Genutzt wurde der Begriff wahrscheinlich, weil die Gabel recht schön visualisiert, wie sich ein Entwicklungsstrang (der Stiel) in mehrere einzelne Lösungen aufteilt (die eigentliche Gabel). Ebenso genauso passiert bei WordPress. Aus dem Entwicklerzweig „WordPress“ wurde nun „WordPress“ + „ClassicPress“.

Warum wurde WordPress geforkt?

Wenn Sie meinen WordPress Newsletter schon länger lesen haben Sie das ganze TamTam wegen Gutenberg sicherlich mitbekommen. Gutenberg wurde der neue Editor in WordPress getauft, der in WordPress 5.0 in den Kern aufgenommen werden soll. Wann Version 5.0 letztlich erscheint, ist noch immer nicht sicher. Auf dem WordCamp Europe hatte Matt Mullenweg gesagt, dass noch im August mit der Zusammenführung des Editors (welches es aktuell als Plugin gibt) mit dem WordPress-Kern begonnen werden soll (ich hatte berichtet). Natürlich ist die Community recht fleißig was die Thematik rund um Gutenberg angeht. Von einer Zusammenführung sind wir aber – meiner Meinung nach – weit entfernt. Vor Jahresende wird das wohl noch nichts werden.

Automattic als Sündenbock

Ich würde die Commnity in WordPress als sehr stabil ansehen. Aber nichts ist perfekt und natürlich gibt es auch Reibungspunkte. Vor allem im letzten Jahr wurden immer wieder Stimmen laut, die Automattic vorwerfen, WordPress durch die Community, nur in die Richtung zu leiten, die für das Unternehmen selbst gut ist. Meines Erachtens hat sich da einiges an Frust aufgebaut. Das führte letztlich zum ClassicPress-Fork. Aber gehen wir noch einmal zurück in der Zeit.

Zur Erinnerung: Matt Mullenweg ist Kopf hinter WordPress und gibt in der Regel die grobe Richtung vor. Er ist aber auch CEO von Automattic. Automattic hat als einziges Unternehmen die Markenrechte für WordPress und kann die Bezeichnung überall verwenden.

Unverständnis #1: wordpress.com ist nicht wordpress.org

So betreibt Automattic die Seite wordpress.com und bietet WordPress Hosting an. Außerdem bewirbt sie die Seite auch im Fernsehen mit unklaren Aussagen. Eine Werbeanzeige zeigt zum Beispiel, dass WordPress auf 27% (jetzt ca. 32%) aller Websites im Internet zum Einsatz kommt. Es ist allerdings nicht die Rede davon, dass es sich dabei nicht ausschließlich um wordpress.com-Seiten handelt. Denn der größte Teil nutzt die freie Software, die man auf wordpress.org findet. Der Unterschied zwischen wordpress.com und wordpress.org wird zum massiven Problem, meint auch Morten Rand-Hendriksen.

Unverständnis #2: Zu viele Entwickler von Automattic?

Mit dem Geld, welches Automattic mit wordpress.com verdient, entwickelt sie nicht nur die eigene Hosting-Plattform weiter sondern stellt eine Menge Entwickler für WordPress (auf wordpress.org) ab. Diese Entwickler sind letztlich Matt Mullenweg unterstellt. Sieht man sich die Contributor-Liste von Gutenberg auf Github an, merkt man schnell, wer die Hauptentwickler sind: die ersten sieben Top-Entwickler konnte ich definitiv als Automattic-Entwickler ausmachen. Sie waren in der Vergangenheit für mehr als 50% aller Code-Einreichungen zuständig. Dabei habe ich die restlichen Entwickler noch gar nicht miteinbezogen.

Natürlich darf man hier nicht nur Automattic die Schuld geben. Mittlerweile werden nämlich auch Stimmen laut, die davon Sprechen, dass die großen Hoster (wie BlueHost, etc.) extra Entwickler für wordpress.org abstellen und so Einfluss auf die Entwicklung nehmen (können).

Unverständnis #3: Keine Entscheidungsfreiheit der Community

Sicher war es schon früher so, dass Matt Mullenweg die grobe Richtung vorgegeben hat. Heute kommt es vielen Menschen anscheinend so vor, als hätte die Community überhaupt keine Entscheidungsgewalt mehr in den wichtigen Fragen. So berichtete ich im WordPress Entwickler Newsletter vom Juni 2017 schon, dass die Community auf der Suche nach dem geeigneten JavaScript-Framework sei, welches für Gutenberg zum Einsatz kommen soll. Zur Auswahl standen ReactJS (von Facebook) und VueJS. Zwar entwickelte sich eine muntere Diskussion dazu. Unter anderem, weil Facebook hier eine komische Lizenz verwendete (siehe Developer Neswletter August ’17). Und auch externe Profis wurden befragt (siehe Developer Newsletter September ’17). Meines Wissens gab es aber bis heute keine richtige Abstimmung zur eingesetzten Technik. Die Automattic-Entwickler machten einfach mit ReactJS munter weiter.

Unverständnis #4: „Gutenberg-Zwang“

Das Fass brachte dann wohl der Gutenberg-Callout zum Überlaufen. Zur Erinnerung: mit dem Update auf WordPress 4.9.8 sah der Benutzer sich mit einem großen Hinweis im Dashboard konfrontiert, der darauf hinwies, man könne doch schon einmal das Gutenberg-Plugin installieren, welches bald in den Core wandern soll. Viele folgten dem Aufruf. Wurde das Plugin vorher ca. 1000 mal pro Tag installiert, sind es mittlerweile mehr als 40’000 Installationen täglich (siehe Statistiken).

Download-Statistik des Gutenberg Plugins
Mit dem Callout schossen die Downloadzahlen in die Höhe

Das negative dabei ist jedoch, dass das Plugin mehr negative Rezensionen erhalten hat als vorher. Angeblich wurden einzelne Entwickler sogar persönlich angegriffen.

Sieht man sich die Rezensionen an, merkt man folgendes schnell: die meisten Benutzer verstehen nicht, warum es einen „Gutenberg-Zwang“ geben wird. Meines Erachtens kommt diese Meinung davon, weil der Gutenberg-Callout viel zu früh kam.

Wir haben vor einem Monat die Website rucksack-rauf-und-weg.de mit dem Gutenberg-Editor gerelauncht. Ich persönlich finde ihn richtig klasse. Aber man muss auch erwähnen dass er natürlich alles andere als stabil ist. Meine Frau schreibt gerne lange Artikel. Da wirkt der Browser manchmal richtig träge. Das Schreiben funktioniert nicht, wie es soll. Und Gutenberg wollte ja eigentlich noch etwas smoother sein, so meine Verständnis. Solche Bugs beheben die Entwickler oft mit dem nächsten Update. Aber gleichzeitig kommen oft neue Bugs hinzu. Dazu kommt: die Versionsnummer von derzeit 3.7 suggeriert für viele als sei Gutenberg stabil.

Die Alternative: ClassicPress

Letztlich hat also nicht nur Gutenberg den Ausschlag gegeben, dass jemand nun einen Hard-Fork machte. Aus dem Fork entstand nun ClassicPress. Und wenn man sich die Mission anschaut ,merkt man, dass genau die oben genannten Dinge angesprochen werden. Zusätzlich zum Fork gibt es übrigens noch eine Petition die jeder digital unterschreiben kann, der will, dass Gutenberg nicht in den Kern wandert.

Was soll ich nun tun?

Meine Empfehlung ist aktuell: Abwarten und Tee trinken. Man weiß nicht, wann ClassicPress offiziell erscheint und wie dessen Entwicklung weitergeht. Letztlich muss erst eine Community um den neuen Fork aufgebaut werden die genauso stark wie die von wordpress.org ist. Das holt man nicht schnell innerhalb von Wochen auf. Ohne die entsprechende Manpower würde ClassicPress letztlich hinterherhinken. Es ist aktuell nicht sicher, wie viele Entwickler sich von WordPress abwenden würden.

Darüber hinaus gibt es derzeit noch das Classic Editor Plugin, welches installiert werden kann und welches noch „für viele Jahre“ weiter gepflegt wird. Auch dann, wenn Gutenberg längst in WordPress integriert wurde. Aber Achtung: auch dieses Plugin wird von Automattic-Mitarbeitern gesteuert.

Ist ein Fork gut oder schlecht?

Da gibt es nur eine richtige Antwort: gut! Forks sind in der digitalen Welt eine Art „Aufschrei“. Wenn Menschen nicht glücklich mit einer Situation sind, handeln sie. Das ist gut. Matt Mullenweg muss erkennen, dass eine nicht gerade kleine Zahl an Benutzern Gutenberg nicht will und er mit seinen Entscheidungen vielleicht nicht immer richtig liegt. Auf der anderen Seite bin der Meinung, dass WordPreses einen Pagebuilder wie Gutenberg dringend nötig hat. Dass der Aufschrei so groß ist zeigt nur, dass dieser Trend massiv verschlafen wurde. Gutenberg macht für viele Nicht-Entwickler die tägliche Arbeit deutlich einfacher. Nichts desto trotz ist das Teil ein richtig komplexes System geworden welches natürlich deutlich Fehleranfällig ist.

Darüber hinaus wäre es eine gute Idee, nun LTS (Long-Term-Support)-Versionen von WordPress einzufügen. Das würde letztlich auch viele andere Probleme beheben (wie z.B. das Benutzer oft alte PHP-Versionen nutzen).

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